Michael Stauders Gefühl für Klang
Geigenbau: Hingabe und Leidenschaft für ein formschönes Instrument

Der Ansitz Haidenschaft in Sterzing ist ein altehrwürdiger Bau, 1425 erstmals erwähnt. Genauso alt und würdig ist die Handwerkskunst, die das turmartige Gebäude beherbergt: Michael Stauder betreibt hier eine Geigenbauwerkstatt, meisterhafte Symbiose aus Kunst, Kreativität und Handwerk.
Der 46-Jährige fühlt sich wohl in seiner Werkstatt. Alte Gewölbe, dicke Mauern, hier hängt zwar nicht der sprichwörtliche Himmel, aber die Zimmerdecke voller Geigen. Instrumente hätten ihn schon immer interessiert, sagt er. In seinen Jugendjahren spielte er elektrische Bassgitarre und durfte in einer kleinen Werkstatt in einem Nachbarhaus mit einem Freund basteln und werkeln. Im oberen Stockwerk spielte jemand Kontra-bass. Als dieser nach England zog, kauften Michael Stauders Eltern das Streichinstrument für ihren Sohn. Eine Leidenschaft nahm ihren Lauf.
Herr Stauder, Norditalien ist ja bekannt für seine berühmten Geigenbauschulen – Stichwort Amati, Guarnieri, Stradivari. Wie wird man in Südtirol Geigenbauer?
Das stimmt, Norditalien hat hier eine reiche Tradition, auch heute noch. Wie gesagt, hat mich das Handwerkliche immer interessiert und gleichzeitig der Klang der Streichinstrumente. Nach dem Abschluss der Grafikschule in Brixen habe ich in Mittenwald in Bayern die Geigenbauschule absolviert, das lag vor allem an der geografischen Nähe. Ich habe mich dort wohlgefühlt und viele wichtige Kontakte geknüpft. Danach war ich eine Zeitlang in Zürich bei einem Geigenbauer. Dort habe ich Vieles gelernt, viel mit Klang experimentiert, wovon ich heute noch profitiere. Unter anderem hatten wir eine Stradivari und eine Amati in Reparatur, das waren natürlich Highlights. Für mich ist eine Geige nach wie vor eines der schönsten Instrumente, auch wegen ihrer Machart.
Handwerk oder künstlerisches Gespür – was spielt die größere Rolle beim Geigenbau?
Musikalisch gesehen brauche ich zum Beispiel kein Rhythmusgefühl. Es spielt also keine Rolle, ob ich selbst ein guter Musiker bin oder nicht. Sehr wichtig ist aber das Gespür für den Klang. Hier gibt es einige Details, mit denen der Geigenbauer den Klang etwas lenken kann, wie etwa Steg oder Stimmstock. Die Hauptüberlegung ist: Wie mache ich die Geige, damit sie gut klingt? Das Handwerkliche, das ist eine Arbeit, die man lernen kann. Auch das Gespür für den Klang kann man sich aneignen, aber es braucht jahrelange Erfahrung, Geduld und Hingabe. Außerdem ist der Austausch mit Kollegen wichtig. Dazu gibt es Fachzeitschriften, wo man sich Inputs holen kann oder auch Bestätigung. Auch der historische Aspekt rund um den Geigenbau interessiert mich sehr.
Welche Bedeutung kommt der Auswahl des Holzes zu? Man hört immer, dass die Fichten aus dem Fleimstal eine besondere Klangqualität haben, sogar Stradivari hat nachweislich das Holz für seine Geigen von dort bezogen.
Das Holz ist ein wichtiges Ausgangsmaterial. Ich war selbst einige Male in Oberradein, nahe an der Grenze zum Trentino, und kann bestätigen, dass die Fichten dort das ideale Wachstum für den Geigenbau aufweisen. Mittels Kernbohrung kann man das überprüfen. Der Wuchs der Bäume ist entscheidend, sie sollen keine Äste und keinen Drehwuchs aufweisen und auf einer bestimmten Seehöhe gewachsen sein. Im Talboden wachsen sie zu schnell und haben zu große oder unregelmäßige Jahresringe. Aus dem Fichtenholz wird die Decke gefertigt; Boden, Zargen und Hals aus Ahorn, das Griffbrett aus Ebenholz. Beim Cello nehme ich gerne Pappelholz statt Ahorn, das ergibt einen sehr warmen Klang. Auch Stradivari hat einige sehr schöne Cellos aus Pappelholz gebaut. Es gibt spezialisierte Händler für diese Hölzer.
Südtirol, das Blasmusikland. Wie sieht es hier mit Streichern aus?
Oh, das musikalische Niveau und der Sinn für Qualität sind in Südtirol auch bei Streichern hoch. Die Leute sind gute Geigen gewohnt und haben dementsprechend hohe Erwartungen, bedingt auch durch die Nähe zum oberitalienischen Raum mit seinen hervorragenden Geigenbauern. Zudem leisten die Musikschulen sehr gute Arbeit. Auch im Konzertbereich wird viel Hochklassiges angeboten. Man kann sich also immer wieder neue Inspirationen holen. Ich gehe als Ausgleich zu meiner Arbeit auch gerne in die Natur. Dort kommen mir auch immer wieder neue Ideen (lacht).
[Sibylle Finatzer]
MICHAEL STAUDER GEIGENBAU
Mühlgasse 16, Sterzing
Infos und Kontakt: www.stauder-violins.com, 346 7857319,












































